Historie

Die Geschichte des Gasthauses Oerding in Kirchwistedt

Dieses Gasthaus gehört ganz sicher mit zu den ältesten in der weitesten Umgebung. Zwar liegen uns über den Beginn dieser Gast- und Beherbergungsstätte keine Urkunden vor, aber es gehörte in früherer Zeit zu einer Kirche einfach eine Gaststätte.

Allein aus diesem Grunde können wir annehmen, daß dieses Gasthaus neben der Kirche auch so alt ist wie diese. Im Jahre 1350 wird im damaligen Dorf Wicstedte erstmals eine Kirche genannt. Wicstede bedeutet ,,geweihte Stätte“ und vor der Kirchengründung befand sich am heutigen Kirchenplatz bereits eine Kapelle zwischen der einst dort vorhandenen Quelle und der tausendjährigen Eibe. Darum ist es gar nicht ausgeschlossen, daß die Oerding‘sche Gastwirtschaft vielleicht noch älter ist als die Kirche.

Gut hundert Jahre nach der Kirchengründung wurde dann aus Wicstede Kirchwistedt. Die vielen Menschen, die in den früheren Jahrhunderten zur Kirche gingen, brauchten daneben einfach eine Stätte, in der sie sich nach den langen Fußmärschen erholen konnten. Außerdem kamen früher die Abendmahlsgäste nüchtern zum Abendmahl und nahmen dann zwischen Abendmahl und Gottesdienst eine Kleinigkeit im nahen Gasthaus zu sich. Da in früheren Jahrhunderten die meisten Wege zu Fuß gemacht wurden, 20 bis 30 Kilometer waren dabei keine Seltenheit,brauchten auch diese Menschen Gaststätten an den Hauptstraßen als Raststätten.

Viele Jahrhunderte lang führte die Straße von Kirchwistedt nach Beverstedt bekanntlich über Stemmermühlen, ursprünglich „Seenfort“ genannt, nach der dortigen Furt durch die Lune. Diese Furt war vermutlich mit Steinen ausgelegt, damit man die Lune möglichst trockenen Fußes passieren könnte. Als dann um 1820/1830 diese Furt durch eine Brücke ersetzt wurde, mußte für das Benutzen dieser Brücke ein Brückenzoll gezahlt werden. Dieser Zoll wurde dann auch weit genug vor dieser Brücke vom Wirt des heutigen Gasthofes Oerding erhoben. In der Gaststube befand sich sogar noch ein hochgelegenes Fenster, damit ein Reiter oder Wagenführer nicht erst beim Bezahlen absteigen brauchte und auch so bequem eine kleine Erfrischung oder Aufmunterung zu sich nehmen konnte. Für ein angespanntes Zugtier betrug der Brückenzoll 4 Pfennig und für ein nicht angespanntes Reit- oder Lasttier 2 Pfennig. Diese Summen erscheinen uns heute zwar gering, waren aber zu der damaligen Zeit beachtliche Beträge.

Als dann die neue Straße von Beverstedt nach Bremervörde durch Kirchwistedt 1848/50 gebaut wurde und Stemmermühlen auf Wunsch des Rittergutsbesitzers Graf von Bremer im Bogen umging, fiel der Brückenzoll weg. Jetzt aber verkehrte die Postkutsche von Bremervörde nach Beverstedt, und umgekehrt, auf dieser Straße und hielt zum Ein- und Aussteigen vor der Gastwirtschaft Oerding.

Als dann am 23. 2. 1862 der erste Eisenbahnzug von Bremen nach Bremerhaven fuhr, bedeutete das zwar allgemein das Ende der Postkutschenzeit, aber bis zum Bahnhof Stubben verkehrten weiterhin Reisekutschen bis 1899, als die Eisenbahnstrecke Bremerhaven-Bremervörde-Stade in Betrieb genommen wurde. Das war dann aber auch die. Zeit, in der Poststellen auf dem Lande eingerichtet wurden; In Kirchwistedt geschah das in dieser Gastwirtschaft. Seit Jahrhunderten gab es ursprünglich nur in Beverstedt eine Postmeisterei und die Postsachen mußten nach dort gebracht beziehungsweise von dort abgeholt werden. 1866 wurden dann die ersten Briefträger eingestellt und der für diese Strecke bis Basdahl zuständige Mann verteilte auf dem Hinweg die angekommene Post und nahm auf dem Rückweg die abgehenden Briefsachen wieder mit.

1888 wurden dann auch in den einzelnen Orten Briefkästen aufgestellt, wodurch der Postverkehr noch mehr erleichtert wurde. Da man merkte, daß bei dem zunehmenden Postaufkommen diese Einrichtungen immer noch nicht ausreichten, richtete man um 1895 in den einzelnen Dörfern Poststellen ein, denn die Post war natürlich bestrebt, den Menschen das Benutzen der Post so leicht wie möglich zu machen. Nach 1895 wurden in diesem Raum auch öffentliche Fernsprecher eingerichtet.

Wir sehen aus dieser kleinen Aufstellung, welch große Bedeutung dieses Gasthaus in den früheren Jahrhunderten für Kirchwistedt gehabt hat und heute noch hat.

Hans Mindermann

Aus dem Beverstedter Anzeiger